Laut aktuellen Berichten aus der Branchenmedienlandschaft und Zahlen der Statistik Austria steuert der Tourismus wirtschaftlich auf Rekordniveau – gleichzeitig fehlen jährlich tausende Fachkräfte, und die Drop-out-Quote bei Lehrlingen liegt regional bei bis zu 27 Prozent.
Quelle: OÖNachrichten, 12.02.2026 – „Lehrlinge begehrt: Tourismus sucht Fachkräfte“, APA-Pressespiegel.
Fachkräftemangel im Tourismus – oder ein Systemproblem?
Seit Jahren reden wir über den Fachkräftemangel im Tourismus.
Über fehlende Bewerbungen.
Über zu wenig Nachwuchs.
Über die Attraktivität der Branche.
Doch wenn ein Viertel der Lehrlinge ihre Ausbildung abbricht,
liegt das Problem nicht am Arbeitsmarkt.
Es liegt im System.
Denn junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung.
Sie beginnen motiviert.
Sie wollen lernen.
Sie wollen dazugehören.
Wenn sie dann gehen, ist das kein Zufall.
Es ist ein Signal.
Warum Lehrlinge im Tourismus wirklich abbrechen
In vielen Betrieben läuft Ausbildung „nebenbei“.
Der beste Koch wird automatisch Ausbilder.
Die erfahrene Rezeptionistin betreut zusätzlich die Lehrlinge.
Fachlich stark – pädagogisch allein.
Was fehlt?
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Klare Rollen
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Strukturiertes Onboarding
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Regelmäßige Feedbackgespräche
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Zeit für Begleitung
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Führung mit Haltung
Stattdessen erleben Lehrlinge häufig:
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Unklare Erwartungen
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Unterschiedliche Anweisungen
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Feedback nur bei Fehlern
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Stimmungsschwankungen im Team
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Überforderung ohne Begleitung
Und irgendwann entsteht Frust.
Nicht gegen den Beruf.
Sondern gegen das Umfeld.
Das ist kein Lehrlingsproblem.
Das ist ein Führungsproblem.

Führung im Tourismus: Der unterschätzte Hebel
Der Tourismus investiert Millionen in Infrastruktur.
In neue Konzepte.
In Marketingstrategien.
Doch Führung wird selten strategisch entwickelt.
Sie entsteht.
Oder eben nicht.
Gerade in familiengeführten Betrieben ist Führung historisch gewachsen.
Viele Unternehmer:innen sind hervorragende Gastgeber:innen.
Hervorragende Fachkräfte.
Hervorragende Strateg:innen.
Aber Führung ist ein eigenes Handwerk.
Wer bildet aus?
Mit welchem Anspruch?
Mit welcher Klarheit?
Mit welcher Struktur?
Wenn Ausbildung vom Zufall abhängt, entsteht Fluktuation.
Wenn Führung situativ erfolgt, entsteht Unsicherheit.
Wenn Feedback fehlt, entsteht Distanz.
Und Distanz ist der Anfang von Kündigung.
Lehrlingsausbildung modernisieren? Ja. Aber im Betrieb.
In der öffentlichen Diskussion wird häufig über Modernisierung gesprochen.
Über neue Lehrpläne.
Über attraktivere Berufsschulen.
Über Fördermodelle.
All das ist wichtig.
Aber die entscheidende Modernisierung beginnt im Betrieb.
Moderne Lehrlingsausbildung im Tourismus braucht:
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geschulte Ausbilder:innen
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verbindliche Ausbildungspläne
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klare Verantwortlichkeiten
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regelmäßige Entwicklungsgespräche
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eine Führungskultur, die Orientierung gibt
Lehrlinge wollen Leistung bringen.
Sie wollen wachsen.
Sie wollen ernst genommen werden.
Was sie nicht wollen, ist Chaos.
Genau hier setzen Initiativen wie „Lehre statt Leere“ an – Programme, die Betriebe dabei unterstützen, Ausbilder:innen zu stärken, Lehrlinge strukturiert zu begleiten und Ausbildungsqualität bewusst zu entwickeln.
Ich begleite in diesem Rahmen regelmäßig Betriebe und sehe:
Lehrlinge gehen selten wegen der Branche.
Sie gehen, wenn Orientierung und Klarheit fehlt.
Mitarbeiterbindung im Tourismus beginnt bei Führung
Wenn wir über Mitarbeiterbindung im Tourismus sprechen,
reden wir oft über Benefits.
Freie Tage.
Mitarbeiterwohnungen.
Prämien.
Doch Bindung entsteht nicht durch Extras.
Sie entsteht durch Beziehung und Klarheit.
Wer weiß, was von ihm erwartet wird, bleibt.
Wer Entwicklung erlebt, bleibt.
Wer Führung erlebt, die trägt, bleibt.
Fachkräftemangel ist oft die Folge von Führungsmangel.
Das ist unbequem.
Aber es ist lösbar.
Die entscheidende Frage
Der Tourismus ist leistungsfähig.
Er ist innovativ.
Er ist wirtschaftlich stark.
Die Frage ist nicht, ob der Arbeitsmarkt schwierig ist.
Die Frage ist:
Wächst Führung in deinem Betrieb mit?
Wenn du heute einen Lehrling verlierst,
verlierst du nicht nur eine Arbeitskraft.
Du verlierst Zukunft.
Und Zukunftssicherung beginnt nicht bei der Politik.
Sie beginnt im eigenen Haus.
Und jetzt?
Wenn du dich fragst,
ob Ausbildung und Führung in deinem Betrieb klar genug aufgestellt sind,
dann lohnt sich ein ehrlicher Blick.
Nicht zur Schuldzuweisung.
Sondern zur Klärung.
Denn Klarheit ist kein Luxus.
Sie ist Führungsaufgabe.
Stein für Stein, Gespräch für Gespräch – mit dem Ziel, gute Zusammenarbeit möglich zu machen.


